Wir kennen die Schlagzeilen und -wörter: Eingeschlagene Scheiben, brennende Container und ausgebrannte Autos. Sich gegen ein System der Ausbeutung und der Unterdrückung zu erheben wird dramatisiert und kriminalisiert, während die Gewalt der Herrschenden unhinterfragt hingenommen wird.
Es fragt sich zunächst, was denn überhaupt Gewalt ist und wie wir sie jeweils einordnen. In der heutigen Gesellschfts- und Wirtschaftsform des Kapitalismus gibt es viele Formen der Gewalt, um die bestehenden Verhältnisse zu sichern. Bereits der Zwang dazu, als Arbeiter*in die eigene Arbeitskraft verkaufen zu müssen, ist dabei eine Form der systemischen Gewalt, denn über unsere Arbeit bestimmen sodann nicht unsere eigenen gesellschaftlichen Bedürfnisse, sondern jene derer, die die Produktionsmittel besitzen – also unsere Chefs. Mit systematischer Indoktrination durch Schulen und Medien, die allesamt Eigentum von ebendiesen Herrscher*innen darstellen oder zumindest von ihnen kontrolliert werden (denn über den bürgerlichen Staat diktiert letztlich auch das Kapital), wird uns eingetrichtert, unser Fleiss in der Marktwirtschaft führe zu individuellem Reichtum, der erstrebenswert sei.
Diktatur der liberalen Marktwirtschaft
Eine Marktwirtschaft, in welcher es Gewinner*innen gibt, setzt Konkurrenz und Wettbewerb voraus – und es ist die Aufgabe des Staates, diese Voraussetzungen abzusichern, indem alle Menschen gleich behandelt werden.
Zwischen Kapitalist*innen und Proletarierinnen wird gesetzlich nicht unterschieden. Ausbeuterinnen werden also nicht daran gehindert, sich einen vererbten Machtvorteil zunutze zu machen und andere Menschen auszubeuten. Produktionsmittel sind in ihrem Eigentum, und sie müssen Menschen anstellen, die für sie arbeiten und einen Mehrwert produzieren, der wiederum von den Kapitalist*innen abgeschöpft wird. Dieser Mehrwert wird wiederum dazu genutzt, mit systemischer Kontrolle ihre Macht abzusichern – und nebenbei ihr Leben zu finanzieren, in welchem sie selber keine Sekunde arbeiten müssen, um zu überleben. Wir Angestellten arbeiten, damit sie nicht arbeiten müssen.
Arbeiter*innen werden dabei auch nicht an ihrer doppelten Freiheit gehindert, dass sie sowohl frei von Produktionsmitteln sind als auch frei darin sind, wem sie ihre Arbeit verkaufen. Diese Gleichstellung von Kapitalist*innen und Proletarier*innen führt zu einem Machtverhältnis, zu dessem Selbsterhalt uns Arbeiter*innen Gewalt angetan werden muss. Arbeiten wir nicht wie vom System vorgesehen, macht uns das System das Leben zur Hölle – in einer breiten Vielfalt von Gewalt.
Gewalt zwecks Selbsterhalt des Systems
Individuell gibt es die Verarmung. Durch die gesellschaftlichen Gepflogenheit lernen wir zunächst die Verachtung von Armen. Wenn Kapitalist*innen entscheiden, dass wir Arbeitslos sein sollen, gibt es damit weder die Möglichkeit, dieser Hölle zu entkommen, noch jeglichen Zusammenhalt, mit welchem systematisch Verarmte auffangen würden. Unsere Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, Teilnahme an Gesellschaft und Kultur wird verhindert und ein Eintrag ins Betreibungsregister vernichtet oft mals jede Hoffnung auf ein warmes Zuhause und Obdach. Flucht davor ist illegal: Wer vor den wirtschaftlichen Tatsachen in der Heimat in ein anderes Land flieht, wird beispielsweise in ein Konzentrationslager an der EU-Aussengrenze gepfercht und gefoltert oder gar vom Grenzschutz ins offene Mittelmeer hinausgezogen in einem Boot, dessen Motor zuvor demontiert oder zerstört wurde. Oder aber man wird aufgrund der Existenz in Administrationshaft gesteckt und durch soziale Isolation in den Suizid getrieben.
Alles gesetzlich gedeckt, teilweise gar durch Volksentscheide bestätigt.
Individualisierung systematischer und systemischer Gewalt
Gesellschaftliche Ächtung von Armen und die Propaganda, Fleiss führe zu Erfolg, führt auch zu einer negativen Bewertung von Widerstand. Streiks werden kleingeredet, die schlechten Arbeitsbedingungen werden individualisiert und insgesamt werden sie stets als unangemessen und unanständig betrachtet. An gesellschaftliche Gepflogenheiten sollen wir uns halten, unsere Arbeitsbedingungen individuell an Lohnverhandlungen neu aushandeln und dabei Ausbeutung hinnehmen. Wenn Frauen von ihren Männern ausgebeutet werden, hätten sie sich lediglich einen falschen Mann gesucht, bei sexualisierter Gewalt wird die Kleidung thematisiert, bei rassistischer Gewalt wird das Opfer verdächtigt und einer willkürlichen Tat beschuldigt, und Behinderte werden als Profiteur*innen des Systems dargestellt, weiter behindert und ermordet.
Diskriminierung bildet die Grundlage der Spaltung
Die liberale Propaganda der Individualisierung führt zu Diskriminierung – die systemische Unterdrückung ermöglicht, die wiederum der Ausbeutung dient. Sie stellt Rassismus, Patriarchat, Ableismus und alle weitere Formen der systemischen Unterdrückung als individuelle Einzelfälle dar, ohne die systemische Gewalt zu thematisieren. Mit diesem Framing und dem gleichzeitigen Schüren von Feindbildern wird jede Form von Solidarität verhindert. Denn Gemeinschaft und Solidarität sind eine Gefahr für die herrschende Weltordnung und somit auch für die Macht der Kapitalist*innen.
Gewalt führt zum Widerstand der Unterdrückten
Sollte das Proletariat erkennen, dass es sich zusammenschliessen und gegen die Macht erheben muss, um zur Selbstbestimmung und Freiheit zu gelangen, kommt das auch mit der Erkenntnis, dass eben das System gegen uns kämpft. Ölkonzerne, Banken und Versicherungen – dahinter stecken die tatsächlichen Profiteur*innen des Systems. Sie besitzen die Öl- und Gaswerke, Raffinerien, Waffenfabriken, Minen und Datenzentren. Sie bestimmen, wieviel Geld es gibt, wieviel wem zusteht, wer arbeiten darf und wer nicht. Sie bestimmen, wer genug erhält, um den Glauben zu erhalten, dass Fleiss tatsächlich belohnt werde, und sie bestimmen auch, wer verarmt wird, damit die Gesellschaft Angst vor ihrem Abstieg hat. Es ist bloss logisch, dass bei der Erkenntnis, welche Mächte dahinterstehen, der Wille dazu entsteht, Schaden bei diesen Konzernen anzurichten, um sich die Kontrolle über die eigene Existenz zu erkämpfen. Eine Stadt und deren Strassen, deren Zweck die Produktionsmaximierung zur Gewinnsteigerung ist, zu blockieren, ist dabei eine Form des Widerstands. Scheiben und Gebäude von Banken und Versicherungen einzuschlagen, damit Arbeiter*innen diese flicken und ihr Lohn somit vom von ihnen erarbeiteten und vorenthaltenen Mehrwert finanziert wird, ist eine weitere Form. Und letztlich führt ein Generalstreik zur kompletten Entmachtung der Herrscher*innen, weshalb dieser ihrerseits unbedingt zu unterbinden ist.
Ein letztes Aufblähen der bürgerlichen, systemischen Gewalt
Sollte sich die Bevölkerung geschlossen gegen das kapitalistische Imperium erheben, greift das System zum Werkzeug des Faschismus: Der Wert und die Funktion menschlichen Lebens wird an eine absolute Hierarchie der Nützlichkeit für einen Nationalstaat gebunden, und jeder Aspekt der Existenz wird darauf konzentriert, das System zu stützen. Wer sich dem widersetzt, wird mithilfe von Polizei und Militär bekämpft, unterdrückt oder gar vernichtet. Gerade in Palästina, aber auch in Deutschland ab 1933 wird deutlich, wohin diese Gewalt führt. Krieg, Massaker, Völkermord – das sind keine Verluste im System, sondern ganz im Gegenteil, profitreiche Geschäfte, die dazu noch die Macht der Herrschenden sichert.
Gewalt ist relativ
Im System, das auf die Gewalt der Ausbeutung angewiesen ist, stellt die Verweigerung, sich ausbeuten zu lassen, Gewalt dar. Medial wird das als Terror geframed, und der Staat kommt seiner Aufgabe nach, seine Position als Gewaltmonopol im Interesse des Systems ein- und durchzusetzen.
Und umgekehrt stellt für uns Arbeiter*innen das System selbst, das uns diverse Formen der Unterdrückung, Zerstörung und Ausbeutung beschert, die Gewalt dar, gegen die wir uns zur Wehr setzen.
Das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung ist linksradikal, aktiver Widerstand gegen die herrschende Macht linksextrem, und das ist unterstützenswert.
Arbeiter*innen, vereinen wir uns gemeinsam im Kampf gegen die Gewalt an uns! Rotten wir die Formen der wirtschaftlichen Ausbeutung aus, bis ihre Grausamkeiten für alle Ewigkeit in den Geschichtsbüchern steht und niemals wiederkehren!

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